Dieser Artikel erscheint in ähnlicher Form als 19. Ausgabe des LOVE /: RAGE LinkedIn Newsletters – dem deutschsprachigen Newsletter darüber, wie wir digitale Erlebnisse von RAGE zu LOVE bringen.
Dies ist der dritte Teil unserer Artikelserie zu den Dimensionen unseres CARE-Checks (Cognitive, Accessible, Responsible, Ethical). In der letzten Ausgabe ging es um barrierefreie Webseiten und im ersten Teil um Cognitive Load. Heute widmen wir uns der Responsible-Dimension – und den Design-Entscheidungen, die im schlimmsten Fall dafür sorgen, dass sich Nutzer*innen von Euch abwenden.
🤡 „Nein danke, ich möchte lieber uninformiert bleiben.”
Wer kennt’s? Ihr wollt einen Newsletter abbestellen oder ein Pop-up wegklicken – und statt eines simplen „Nein danke” steht da: „Nein, ich verzichte lieber auf wertvolle Tipps.” Oder, noch einen Tick unverschämter: „Nein danke, ich bleibe lieber unwissend.”
Einen kurzen Moment lang zögert ihr. Nicht, weil ihr wirklich abonnieren wollt. Sondern, weil euch die Formulierung ein kleines schlechtes Gewissen einredet. Dann klickt ihr doch irgendwie auf „Ja” – oder ihr schließt das Fenster, genervt, mit einem leicht faden Nachgeschmack. Auf jeden Fall fühlt sich die ganze Interaktion irgendwie… falsch an.
Das nennt sich Confirmshaming – und es ist eines der bekanntesten Beispiele für Dark Patterns: Interface-Entscheidungen, die Nutzer*innen nicht informieren oder unterstützen, sondern in eine bestimmte Richtung drängen. Nicht durch Überzeugung. Sondern durch Druck, Scham oder Verwirrung.

Was sind Dark Patterns – und was steckt dahinter?
Der Begriff Dark Patterns wurde 2010 vom UX-Researcher Harry Brignull geprägt. Mittlerweile spricht die Community auch von Deceptive Patterns – unter anderem, weil der Name präziser beschreibt, worum es geht: Interface-Entscheidungen, die täuschen.
Das Tückische: Die wenigsten Dark Patterns entstehen aus echtem bösen Willen. Meistens entstehen sie, weil jemand die Conversion-Rate erhöhen wollte. Weil ein Button so im Template war. Weil niemand gefragt hat, wie sich das eigentlich auf der anderen Seite des Bildschirms anfühlt. Das ist das Kernproblem von Irresponsible Design: Es entsteht nicht im Ausnahmefall – es entsteht im Alltag, wenn niemand innehält und fragt: Dient das den Menschen, die wir eigentlich unterstützen wollen?
Responsible Design ist der Gegenentwurf dazu. Es bedeutet nicht, auf jede Conversion zu verzichten oder keine Marketingziele zu verfolgen. Es bedeutet, Interface-Entscheidungen bewusst zu treffen – mit dem Wissen, welchen Einfluss sie auf das Erleben und die Entscheidungen eurer Nutzer*innen haben.
Vier Dark Patterns, die ihr kennen solltet
Confirmshaming
Wie oben beschrieben: Der Ablehn-Button wird so formuliert, dass er sich unangenehm anfühlt. „Nein danke, Erfolg interessiert mich nicht” statt „Nein danke.” Der Effekt ist kurzfristig messbar – aber er hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Und der ist selten positiv.
Trick Questions
Formulierungen in Checkboxen oder Formularen, die bei flüchtigem Lesen das Gegenteil von dem bedeuten, was Nutzerinnen annehmen. Klassiker: Eine vorangekreuzte Checkbox mit dem Text „Ich möchte keine Werbemails erhalten” – wer nicht genau liest und den Haken stehen lässt, hat gerade zugestimmt. Der Teufel liegt im Verneinungssatz. Nutzerinnen machen Fehler, die sie nicht bemerken – bis der erste Newsletter ankommt.
Misdirection
Ablenkung durch Design: Ein auffälliger Button führt zu einer bestimmten Entscheidung, während die Alternative – obwohl technisch vorhanden – optisch fast unsichtbar gemacht wird. Kleiner Text, grau eingefärbt, versteckt – zum Beispiel in einem Akkordeon. Die Wahl existiert. Aber sie wurde so gestaltet, dass sie niemand trifft. Das ist kein neutrales Design. Das ist eine gelenkte Entscheidung.
Forced Continuity
Ein Abo läuft kostenlos an – und verlängert sich automatisch kostenpflichtig, ohne deutliche Erinnerung und ohne einfachen Kündigungsweg. Nutzer*innen merken es erst nach der Abrechnung. In B2C-Kontexten inzwischen vielfach reguliert, trotzdem weit verbreitet – auch in SaaS-Produkten und digitalen Dienstleistungen.
Die Rechtslage bei Dark Patterns: Nicht nur ein ethisches Problem
Dark Patterns sind für viele Firmen und Organisationen ein echtes Problem geworden – und nicht nur aus moralischen Gründen.
Der Digital Services Act (DSA) der EU verbietet seit 2024 für größere Plattformen bestimmte manipulative Muster explizit: Nutzeroberflächen, die Nutzer*innen täuschen oder unter Druck setzen, verstoßen gegen Artikel 25 des DSA. Und was heute nur für „Very Large Online Platforms” gilt, könnte den Kurs für den gesamten Digitalmarkt vorschreiben.
Dazu kommen weitere relevante Rahmenbedingungen:
Die DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung) fordert seit 2018 explizit, dass Einwilligungen freiwillig, informiert und eindeutig sein müssen. Pre-checked Boxes für Tracking oder Marketing sind damit in der EU nicht zulässig – was viele Formen von Trick Questions direkt trifft. Wer Cookie-Consent-Banner so baut, dass „Alles akzeptieren” prominent und „Ablehnen” drei Klicks entfernt ist, riskiert nicht nur schlechtes Karma, sondern DSGVO-Verstöße.
Das UWG (Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb) schützt in Deutschland vor irreführenden und aggressiven Geschäftspraktiken – auch im digitalen Raum. Confirmshaming, das psychologisch Druck erzeugt, kann als aggressive Praxis eingestuft werden.
Und auf EU-Ebene legt die UCPD (Unfair Commercial Practices Directive) (EN, PDF) fest, dass Praktiken, die das wirtschaftliche Verhalten von Verbraucher*innen erheblich beeinflussen, als unlauter gelten – unabhängig davon, ob sie bewusst eingesetzt wurden.
Der Trend geht eindeutig in Richtung steigender rechtlicher Anforderungen in Bezug auf manipulative Muster. Das zeigt auch der geplante Digital Fairness Act (DFA), der den Schutz vor diesen Mustern deutlich ausweiten und nicht nur für große Plattformen gelten soll. In Deutschland fordert auch der Verbraucherzentrale Bundesverband unter anderem klare Verbote manipulativer Muster für alle Online-Schnittstellen.
Kurz gesagt: „Wir haben das nie absichtlich so gebaut” ist kein Schutz mehr. Die Frage ist nicht mehr nur, ob eure Dark Patterns unethisch sind. Die Frage ist, ob sie – auch in Zukunft – regulatorisch haltbar sind.
Dark Patterns und Vertrauen: Die fragile Emotion
Es gibt genügend Sprichwörter und Weisheiten, die Vertrauen thematisieren. Vielleicht habt ihr schon davon gehört, dass Vertrauen Jahre braucht, um aufgebaut zu werden, aber in Sekunden zerstört sein kann.
Wer Menschen unter Druck setzt oder in die Irre führt – auch unabsichtlich –, riskiert deshalb mehr als eine Abmahnung. Wer einmal das Gefühl hat, manipuliert worden zu sein, kommt nicht wieder. Und wer das einer Freundin erzählt, nimmt vielleicht auch sie mit.
Auch wenn Dark Patterns kurzfristig Conversions erzeugen können, zerstören sie langfristig genau die Beziehung, auf der Conversions beruhen. Sinkendes Vertrauen kann nicht nur höhere Absprungraten verursachen, sondern auch mehr Support-Anfragen von verwirrten Nutzer*innen – und bei mangelnder Compliance – potenzielle rechtliche Konsequenzen.
Reputationsschaden ist kein abstraktes Risiko. Deshalb ist der erste Schritt, hinzuschauen. Viele der problematischen Muster sind historisch gewachsen – übernommen aus Templates, von Agenturen eingebaut, nie bewusst hinterfragt. Das ändert die Wirkung nicht. Aber es bedeutet, dass es keine Schuldigen braucht – nur einen Prozess.
Fragt euch: „Würde ich diesen Flow verteidigen wollen?”
Bevor ihr also eure nächste Design-Entscheidung trefft – oder bevor ihr bestehende Flows überprüft – gibt es eine einfache Frage, die als Dark-Pattern-Filter fungiert:
Würde ich diesen Flow einer Nutzer*in gegenüber verteidigen wollen, wenn sie mich direkt fragt, warum das so gebaut ist? Wenn die ehrliche Antwort Zögern ist: 🚩 hört auf euren Instinkt 🚩🚩🚩. Für die Prüfung eurer bestehenden Seiten und Prozesse sind außerdem diese Fragen nützlich:
- Ist der Ablehn-Weg genauso leicht wie der Zustimmungsweg? Wenn „Nein” drei Klicks braucht und „Ja” einen, ist das kein neutrales Design.
- Sind Checkboxen und Formulierungen eindeutig – auch beim schnellen Lesen? Testet mit Personen, die den Text zum ersten Mal sehen.
- Gibt es etwas, das ihr versteckt habt – nicht aus Designgründen, sondern weil es die Conversion senkt? Kosten, Kündigungsfristen, Datenweitergabe.
- Erzeugt irgendetwas auf eurer Seite ein Gefühl von Dringlichkeit oder Druck, das nicht der Realität entspricht? Fake-Countdown-Timer, erfundene Knappheit.
- Wäre euer Onboarding- oder Checkout-Flow in einer kritischen Berichterstattung erklärbar? Wenn ihr zögert – prüft ihn nochmal.
Euer digitales Produkt führt Menschen in die Irre – was jetzt?
Jetzt, wo ihr für das Thema sensibilisiert seid, könnt ihr eure Seiten und Prozesse gezielt durchsehen. Nutzt die Fragen oben als Ausgangspunkt. Geht durch eure wichtigsten Flows – Spendenprozesse, Newsletter-Anmeldungen, Registrierungen, Checkout – und fragt bei jeder Interaktion: Dient das dem Menschen, oder dient das dem Metric?
Das ist keine einmalige Übung. Responsible Design ist eine Haltung, die in Designentscheidungen immer wieder neu eingefordert werden muss – besonders dann, wenn Conversion-Druck von außen kommt.
Alternativ – und hier kommt unser Angebot: Genau für diesen Fall haben wir den CARE-Check entwickelt. Der CARE-Check zeigt euch, wie eure Website oder App wirklich funktioniert – nicht nur technisch, sondern für echte Menschen. Er deckt neben Dark Patterns auch Cognitive Load, Barrierefreiheit und weitere ethische Designdimensionen ab und gibt euch nicht eine endlose Fehlerliste, sondern eine priorisierte Roadmap mit Quick Wins – plus die Dokumentation, die ihr eurem Vorstand oder euren Stakeholder*innen zeigen könnt.
Was hinter dem Begriff CARE steckt und wie der Check genau abläuft, erfahrt ihr hier: https://birdux.studio/leistungen/ethischer-ux-health-check/
Falls das was für euch ist: Wir haben aktuell ein Launch-Angebot – 20 % auf das CARE Essentials Paket.
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