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Wie Barrierefreiheit dafür sorgt, dass du dein Spendenziel erreichst

1. Juni 2026 | Studio News . CARE

Lesezeit: 6 Minuten
Hellblaue und weiße Illustration eines Hundes mit Hut, der auf einem Stuhl sitzt und von Flammen umgeben ist. Sprechblase mit den Worten “This Is Fine”. Das gestricheltes Gesicht Emoji überlagert groß die Szene.

Dieser Artikel erscheint in ähnlicher Form als 18. Ausgabe des LOVE /: RAGE LinkedIn Newsletters – dem deutschsprachigen Newsletter darüber, wie wir digitale Erlebnisse von RAGE zu LOVE bringen.

Dies ist der zweite Teil unserer Artikelserie zu den Dimensionen unseres CARE-Checks (Cognitive, Responsible, Accessible, Ethical). In der letzten Ausgabe ging es um Cognitive Load. Heute widmen wir uns der Accessible-Dimension.

Wen schließt deine Website gerade aus – ohne dass du es weißt?

Stellt euch vor, jemand will bei einer Stiftung spenden. Nicht viel, zwanzig Euro, weil die Arbeit unterstützenswert ist oder es die Person persönlich betrifft. Die Person hat einen leichten Tremor – kein Attest, keine Pflegestufe, einfach Hände, die manchmal nicht ganz mitmachen.

Die Spendenseite ist aufgeräumt, die Buttons sind schmal und elegant. Die Person tippt auf „Weiter”. Landet auf „Abbrechen”. Tippt nochmal. Landet wieder daneben. Beim dritten Mal klappt es – aber jetzt ist sie aus dem Flow raus, ein bisschen genervt, ein bisschen unsicher. Sie schließt die Seite. Und spendet nicht.

Der Button sah großartig aus im UI-Design. Niemand hat ihn absichtlich klein gemacht. Und genau das ist das Problem.

Illustration eines Hundes mit Hut und weit aufgerissenen Augen. Der Hund sitzt in einem Raum auf der einem Stuhl. Seine “Hände” ruhen auf seinem Schoß. Vor ihm ist ein Tisch auf der eine Tasse steht. Der gesamte Raum steht in Flammen. An der Decke hat sich schwarzer Rauch gebildet. Auf einer Sprechblase ist zu lesen: “This Is Fine”.


“This is fine” Meme entstanden aus dem Webcomic Gunshow von KC Green; Strip „On Fire“, 2013

Was Barrierefreiheit wirklich ist – und was nicht

Die meisten denken: Barrierefreiheit ist eine rechtlich notwendige Zusatzleistung für eine kleine Minderheit. Dieses Gerücht hält sich hartnäckig – und es stimmt nicht.

Laut WHO leben weltweit rund 1,3 Milliarden Menschen mit Behinderungen. Das sind etwa 15 bis 16 Prozent der Weltbevölkerung. Hinzu kommen Menschen, die temporär eingeschränkt sind (gebrochener Arm, Ohrenentzündung), situativ (grelles Sonnenlicht auf dem Handy, laute Umgebung) oder schlicht älter werden.

Ein klassisches Beispiel: Untertitel wurden für gehörlose Menschen entwickelt. Heute schalten sie rund 80 Prozent aller Zuschauer*innen an – in der U-Bahn, in der Mittagspause, beim Einschlafen.

Das nennt sich der Curb-Cut-Effekt: Abgesenkte Bordsteinkanten wurden für Rollstuhlfahrende eingeführt. Heute nutzen sie Eltern mit Kinderwagen, Radfahrende und Lieferdienste täglich. Im Digitalen gilt dasselbe Prinzip: Barrierefreiheit ist Usability – für alle.

Und es gibt klare, aktuell gepflegte Standards, die definieren, was das konkret bedeutet: WCAG – Web Content Accessibility Guidelines

Warum Barrierearmut in digitalen Produkten unsichtbar bleibt

Das Tückische: Barrierearmut ist für die, die nicht betroffen sind, oft schlicht nicht sichtbar.

  • Wer gut sieht, merkt nicht, dass der Kontrast zu gering oder die Schrift zu klein ist.
  • Wer keine Farbsehschwäche hat, bemerkt nicht, dass Statusanzeigen nur über Rot-Grün unterschieden werden – und damit für viele unsichtbar sind.
  • Wer mit einer Maus arbeitet, sieht nicht, wie mühsam es ist, eine Seite nur mit der Tastatur zu navigieren.

Das bedeutet: Accessibility-Fragen kommen in der Praxis oft erst auf den Tisch, wenn bereits eine Klage droht oder ein Audit versagt. Dabei ist die Ausgangslage längst klar.

Barrierefreiheit ist seit Juni 2025 Rechtspflicht – auch für NGOs und Hochschulen

Mit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) (https://bfsg-gesetz.de/) gilt seit Juni 2025: Digitale Barrierefreiheit ist kein ethisches Nice-to-have mehr. Es ist eine rechtliche Anforderung – auch für private Anbieter digitaler Produkte und Dienstleistungen.

Für NGOs, Hochschulen und wertegetriebene Organisationen bedeutet das: Wer jetzt noch keine priorisierte Roadmap hat, riskiert Abmahnungen, Reputationsschäden und – im schlimmsten Fall – den Vertrauensverlust bei genau den Spender*innen und Stakeholder*innen, deren Unterstützung man braucht.

Die echten Kosten von mangelnder Barrierefreiheit

Jenseits der Rechtslage hat schlechte Accessibility direkte Auswirkungen auf die Wirksamkeit eurer digitalen Kanäle. Wo Kosten entstehen:

  • Conversion bricht ein – wie im Eingangsbeispiel: Nutzer*innen geben auf, bevor sie spenden, buchen oder beantragen.
  • Vertrauen leidet – wer auf einer schlecht zugänglichen Seite scheitert, zweifelt an der Professionalität der Organisation dahinter.
  • Support-Anfragen steigen – Fragen, die ein barrierefreies Produkt erübrigt hätte, landen im Postfach.
  • Reichweite bleibt ungenutzt – nicht nur bei Menschen mit Behinderungen, sondern bei allen, die situativ eingeschränkt sind.

Ein proaktiver Ansatz in Sachen Barrierefreiheit ist nicht nur menschlicher. Er ist auch kosteneffizienter.

Verhindert Barrierearmut erfolgreiche Abschlüsse auf eurer Website?

Es gibt über Hunderte – größtenteils kostenlose – Tools, mit denen ihr prüfen könnt, ob und wo in euren digitalen Produkten Accessibility-Fehler vorliegen. Die Web Accessibility Initiative listet einige hier: WAI Evaluation Tools

Aber: Einfach drauflos scannen, eine endlose Fehlerliste generieren und diese dann fieberhaft abzuarbeiten – das führt meistens in den PDF-Friedhof. Der Bericht landet in der Schublade, weil niemand Zeit oder Kapazität hat, ihn umzusetzen.

Ein pragmatischer Einstieg in Barrierefreiheit – ohne Überforderung

Der Einstieg muss nicht perfekt sein. Er muss nur ein Anfang sein.

Wenn ihr euch zum ersten Mal mit Barrierefreiheit beschäftigt, ist es sinnvoller, wenige Dinge wirklich zu verstehen und umzusetzen, als einen vollständigen WCAG-Report zu bekommen, der überfordert – und deshalb irgendwann ignoriert wird.

Das Verstehen ist dabei entscheidend: Wer versteht, warum etwas eine Barriere ist, kann auch zukünftige Design- und Entwicklungsentscheidungen direkt daraufhin prüfen. Das ist Shift Left – Accessibility früh im Prozess verankern, nicht als letzter Check vor Launch.

In unserem CARE-Check ist die Accessible-Dimension genau dafür gebaut. Statt eines rein technischen WCAG-Compliance-Verfahrens schauen wir mit UX-orientiertem Blick auf die Barrieren, die real und unmittelbar wirken – und die in den meisten Fällen auch ohne hohen Entwicklungsaufwand angegangen werden können. Wir orientieren uns am WCAG 2.1 Standard, Level AA – dem rechtlich relevanten Standard für digitale Barrierefreiheit in Europa.

Was ihr bekommt: keine endlose Fehlerliste, sondern eine priorisierte Roadmap mit Quick Wins – und die Dokumentation, die ihr eurem Vorstand oder euren Stakeholder:innen zeigen könnt.

👉 Mehr zum CARE-Check

Häufige Fragen zu Barrierefreiheit

Gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz auch für unsere NGO? Ja – das BFSG gilt seit Juni 2025 auch für private Anbieter digitaler Dienstleistungen, darunter viele NGOs und gemeinnützige Organisationen. Ob und in welchem Umfang ihr betroffen seid, hängt von eurer Organisationsgröße und eurem Angebot ab. Ein erster Audit schafft Klarheit.

Was ist der Unterschied zwischen WCAG 2.1 AA und vollständiger Barrierefreiheit? WCAG 2.1 Level AA ist der rechtlich relevante Standard in Europa. Er deckt die wichtigsten Anforderungen an Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit ab. Vollständige Barrierefreiheit im absoluten Sinne ist ein fortlaufender Prozess – der Standard bietet den notwendigen, nachweisbaren Rahmen.

Funktionieren Accessibility-Overlays als schnelle Lösung? Nein. Der Konsens in der Accessibility-Community ist eindeutig: Overlay-Widgets lösen keine strukturellen Probleme im Code. Sie können sogar aktive Screenreader-Nutzer*innen beeinträchtigen. Nachhaltige Barrierefreiheit erfordert Änderungen direkt im Produkt.

Wo fange ich an, wenn mein Team keine Kapazität hat? Genau hier hilft ein pragmatischer Einstieg: Nicht alles auf einmal, sondern priorisierte Quick Wins, die sofort Wirkung zeigen – ohne das Entwicklungsteam zu überlasten.

Ihr fandet diesen Inhalt hilfreich? Der LOVE /: RAGE Newsletter erscheint monatlich auf LinkedIn: www.linkedin.com/newsletters/love-or-rage

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